Mit Distanz, Charme und Ironie.

ironie

Angela Merkel ist auch die Kanzlerin des digitalen Wandels. Seit 2005 Kanzlerin brachen sich Soziale Medien, die Blogosphäre und digitaler Journalismus während ihrer Kanzlerinnenschaft Bahn in die deutschsprachige Gesellschaft. Dass sich Angela Merkel in diesem Spannungsfeld digitalisierter Öffentlichkeit etwas sicherer bewegen kann als so viele andere Politiker_innen ist ein wesentlicher Baustein ihrer Macht und auch ein Grund für ihre Beliebtheit in der Bevölkerung. In der DDR mit der Stasi sozialisiert spricht sie sehr überlegt und weiß genau, welche Aussagen wie interpretiert werden können und was ihr potentiell schadet. Ein zu Beginn des 21. Jahrhunderts unvorhersehbarer Vorteil, seitdem jedes Wort viral gehen kann. Erinnern wir uns an Stoiber, der mit seiner erratischen Art Reden zu halten zum YouTube-Star wurde:

Oder an Friedbert Pflüger, dessen unglückliches Händchen in Berlin zum ewigen Videospaß geworden ist:

Langjährige Beobachter_innen erzählen von Momenten mit Angela Merkel, in denen sie eine ironische Distanz zu sich und ihrer Macht demonstriert. Beispielsweise wenn sie sich selbst in einem staatstragenden Moment parodiert. Es gibt lange Beschreibungen, wie Merkel über Staatsbesuche und weittragende internationale Entscheidungsprozesse scherzt. Sie weiß, wie zwischenmenschliche Distanz gewahrt werden kann. Und die ist ihr auch äußerst wichtig.

Diese dargestellte und authentisch wirkende Distanz zu sich selbst hilft ihr eine unangreifbare Fassade im Medienzirkus zu erhalten. Wobei die Frage gerechtfertigt ist, inwiefern sie nun wirklich eine Fassade aufrecht erhält, denn wäre eine Fassade nicht auch theoretisch zu durchbrechen? Doch wie soll ein Witz ihre Macht untergraben, ihre Fassade ins Lächerliche ziehen, wenn sie sich selbst am besten zu parodieren weiß? Was ist, wenn ihre Fassade und sie tatsächlich eins sind? Würde das nicht bedeuten, dass sie vielleicht wirklich keine politischen Leidenschaften hat, dass sie die systemischen Gegebenheiten eben so gleichgültig hinnimmt und versucht das beste draus zu machen? Und wäre sie damit nicht die ideale Ausprägung postdemokratischer Kultur?

Im Vergleich zu ihrem Vorgänger Gerhard Schröder wird deutlich, dass sie das Amt der Kanzlerin viel distanzierter auszuführen pflegt. Eine ihrer ersten Handlungen nach der Wahl 2005 war die Wohnung im Bundeskanzler_innenamt aufzulösen. Schröder hatte zuletzt im Kanzler_innenamt gewohnt. Unter dem Dach. Merkel, die nur wenige hundert Meter gegenüber des Pergamonmusums, gleich um die Ecke der Humboldt Universität, wohnt, erklärte das Kanzler_innenamt wieder zum Büro. Ähnlich wie sie in den 80ern von ihrer besetzten Wohnung in Berlin Mitte zur Akademie der Wissenschaft pendelte, pendelt sie heute ins Kanzlerinnenbüro. Sie besteht sehr explizit auf Privatleben, selbst wenn sie Teile davon gut in Szene zu setzen weiß. Die Kanzler_innneschaft ist ein Job. Ein Job, den sie überaus gerne macht, der aber ein besonderer Kontext ist. Wenn sie davon spricht, wie sie sich nach der Regentschaft zur Ruhe setzen will, klingt das sehr überzeugend. Sie wird nicht wie ein Schröder durch die Weltgeschichte von Buffet zu Buffet ziehen – das kann sie glaubhaft machen, ohne es auszusprechen. Vielleicht sind die Menschen auch gewillt es einer Frau* eher zu glauben, dass es ihr um den Job geht und nicht um die Verträge und Geldquellen die mit dem „Bundeskanzlerin a.D.“ auf der Visitenkarte folgen. Sie wirkt, als habe sie nur sehr wenig zu beweisen. Sie ist nicht eitel, ist sich dabei aber der Eitelkeit anderer sehr bewusst.

Eine Frau*, chronisch unterschätzt, bewegt sich geschickt im allgegenwärtigen Sexismus, entledigt sich des Kampfes gegen ihn und spielt die Männer* gegen ihre eigene Eitelkeit aus. So gesehen beim Foyergespräch mit dem Cicero im Berliner Ensemble im Sommer 2014. Auf der Bühne saßen sehr ernste, sehr fokussierte, sehr eitle Männer. Versehen mit dieser aufgesetzt ernsthaften Art und ausufernden Fragen, die zur Profilierung dienen und den Effekt haben sollen, dass die Leute denken, dass der Fragende doch schon ziemlich schlau ist. Angela Merkel ließ die Männer derart auflaufen, dass das Publikum bei jeder ihrer Antworten in schallendes Gelächter ausbrach.

„Haben sie einen besonderen Draht zu Putin?“ – „Also erstmal habe ich eine ganz normale Telefonleitung.“

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Klar, präzise, unprätentiös, humorvoll. Eine Mischung, die in Gestalt einer Frau daherkommt und eine Aura kreiert, die Menschen geradezu erstarren lässt. Und selbst das Internet und der in ihm kultivierte Humor stoßen an die Grenzen des federleicht wirkenden Enthronens, das so sehr von der Eitelkeit der Menschen lebt. Wir erinnern uns an die diebische Freude der Internetnutzer_innen, mit der Guttenberg aus dem Amt gekegelt wurde. Mehr noch: Merkel inszeniert Fehler (Siehe die F-Wort-„Panne“) und gewinnt mit ihrer leicht trottelig wirkenden Art Sympathien. Sie bietet kaum Angriffsfläche, nicht zuletzt auch deswegen weil sie ihren Job im Rahmen ihrer Möglichkeiten gefühlt(!) solide zu machen scheint. Sie handelt nachvollziehbar für viele Menschen. Die Grenzen ihres Handelns wirken oft ungewollt, die Sachzwänge einfach zu groß. So erklären sich auch die zahlreichen Fans, die sich sogar im Netz finden lassen – sie wertschätzen eine Herrscherin, die so völlig unaufgeregt ist und einfach ihren Job macht. Kein peinlicher Stinkefinger-Peer, kein Pfui-Bah-Berlusconi, kein Testosteron-kreischender-Putin. So arg es klingen mag: Merkel wirkt in diesem Vergleich als wohltuende Herrscherin. Langfristig eine neue Form von charismatischer Herrschaft?

Die Ikonographie Merkels reiht sich nämlich grundsätzlich in klassische Herrschaftspositionierung ein, ohne aus der Zeit gefallen zu wirken. Die ironische Distanz zu sich selbst ist die Grundlage für ihre authentische Herrschaftsinzenierung in unseren superironischen postmodernen Zeiten. Sie wirkt verlässlich – und ihre Ikonographie ist es auch. Ihre Silhouette bleibt konstant, sie variiert lediglich die Farbe ihrer Jackets. Sie ist berechenbar. Nachvollziehbar. Und das scheint Sicherheit zu vermitteln. Ab und an durchbricht sie mit einer zur Schau gestellten Weiblichkeit den Berliner Politiktrott – entweder mit einem unerwartbaren Dekolleté oder dem Bekenntnis, ihrem Mann Kartoffelsuppe und Pflaumenkuchen zuzubereiten. Ganz charmant und bodenständig inszeniert sie sich dann. Sie ist gar nicht abgehoben. Sie betrachtet den Zirkus in Berlin auch mit Distanz. Und so bewegt sie sich mit diesen kleinen Ausbrüchen im Rahmen des Ertragbaren, würzt ihr Auftreten mit ein wenig Lockerheit und Authenzität und kann dabei auch noch über sich selbst lachen. Ihre Politik und ihr Handeln bleiben dennoch berechenbar oder wie sie es sagen würde „alternativlos“. Sie agiert geradezu transparent. Das beruhigt. Zumindest die Mehrheit.

Bildquelle: EPP Offical

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2 Kommentare zu Mit Distanz, Charme und Ironie.

  1. Ich habe eine Wissenslücke und suche eine Antwort auf meine Frage. Warum hat Frau Merkel den Namen ihres geschiedenen Mannes behalten und nicht den Namen ihres jetzigen Mannes als Frau Sauer ??? Mit welchen Namen hat Frau Merkel / Sauer ihre Vereidigung unterschrieben?? Ist diese Vereidigung rechtskräftig ??? Bitte um ausführliche Rückantwort.Vielen Dank.
    Gruß
    Angela

    1. Gute Frage. Ich werde da ausführlich in meinem Buch drüber schreiben und spekulieren 😀

Kommentare sind geschlossen.