Anekdote: Kulturfest

Wie hielt sie es eigentlich mit der DDR? Immer wieder diese Frage. Und immer wieder die ErklA�rung, dass sie wohl einfach nicht ganz so interessiert war sich politisch einzubringen, kritisch distanziert zur DDR war, aber letztlich ihre Karriere nicht gefA�hrden wollte. Letztlich ist die Frage, wie sie es mit der DDR hielt ebenso eine politische, wie die Bewertung der DDR eine politische ist. Und auch wenn ich auf diesem Blog ihr Leben genauso betrachten will, wie ihr Handeln, werde ich die biographischen Eckpunkte in erster Linie in Anekdoten darstellen. Eine kleine Anekdote aus ihrer Schulzeit illustriert dann auch recht schA�n den pragmatischen Charakter Merkels und wie sie es immer wieder schafft die Verantwortung zu A?bernehmen, aber die Konsequenzen andere tragen zu lassen. Zwar ist das Kulturfest die Standard-Anekdote, jedoch finde ich, dass sie sehr hA?bsch ist und deswegen den Anfang der Anekdotenreihe machen kann.

Es begab sich also zu der Zeit, dass Angela Kasner kurz vor dem Abitur stand. Sie gehA�rte zu den Klassenbesten. Sie mochte es schon immer efolgreich zu sein. Auch sozial integrierte sie sich gut, organisierte Partys bei sich zu Hause, wohnte Diskussionsrunden bei und A?bernahm immer wieder Verantwortung. So auch beim Kulturfest, wo ihre Klasse keinen Beitrag lieferte. Wie das halt so ist. Auf A�h … Anregung ihres Vaters („Angela du kannst doch sowas! Und du willst dir doch den Studienplatz nicht versauen!“) setzte sie sich den Hut fA?r den Klassenbeitrag auf und heraus kam das wohl subversivste Projekt in Merkels DDR-Zeit. Die Klasse sammelte fA?r den revolutionA�ren Kampf in Mosambik – dabei war Vietnam der heiAYe SpendenscheiAY – und rezitierte Morgenstern:

Mopsenleben

Es sitzen MA�pse gern auf Mauerecken,
die sich ins StraAYenbild hinaus erstrecken,

um von sotanen vorteilhaften Posten
die bunte Welt gemA�chlich auszukosten.

O Mensch, lieg vor dir selber auf der Lauer,
sonst bist du auch ein Mops nur auf der Mauer.

– Christian Morgenstern

Mauer! BA?rgerliche Poeten! Mosambik! Da wurden die wachsamen, sozialistischen Hohepriester misstrauisch. Und da die Frau des Kreisschulrates im Publikum saAY, wussten jene auch von der Entgleisung. Es war ein Skandal. Es drohten Sanktionen. Der Lehrer Horn wollte seine Haut retten und gab die Schuld der Klasse. Aber weder Vater Kasner, noch die anderen Eltern wollten zulassen, dass die begabten SprA�AYlinge ihre Uni-Karrieren aufgeben mussten und so wurde hin und her und her und hin gestritten und geklA?ngelt. Am Ende wurden der Klassenlehrer, der Rektor und der Schulrat strafversetzt. Und Angela Kasner ging nach Leipzig zum studieren.

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on TumblrEmail this to someonePrint this pageShare on Reddit