Putin und Merkel. It's complicated.

Putin und Merkel. Eine ewige Geschichte. Die Lieblinge der internationalen Politik. So wird es gerne dargestellt. Sie können in ihren Muttersprachen miteinander reden. Er, der männliche Mannes-Mann. Sie, die unterkühlte Über-Politikerin. Ein Blick in die Bildersuche bei Google bildet das Verhältnis der beiden schon schön ab: Sie lachen, sie gucken verdutzt, sie repräsentieren, sie begrüßen, sie werden von Femen getrollt und umarmen einander. Und Merkel ist genervt. Oder sie hat diesen Blick der strengen Lehrerin, die den bösen Buben Vladimir am liebsten mal wieder zum Nachsitzen verdonnern würde.

merkel putin googlesuche

Auch auf dem Screenshot zu sehen ist die legendäre Begegnung, bei der Putins Hund Koni die Kanzlerin in eine unangenehme Situation brachte, da sie Angst vor Hunden haben soll. Schnell wurde daraus die urbane Legende, dass Putin Merkels ersten Antritt mit einer Machtdemonstration beginnen wollte. Das Treffen fand tatsächlich 2007 statt und hat sogar einen eigenen Abschnitt in der Wikipedia. Das letzte Mal wurde das Bild Anfang März 2015 getwittert – die Urbane Legende der Machtdemonstration ist verfestigt.

Die Beziehung zwischen Putin und Merkel ist kompliziert – auch, weil sie politisch gesehen Konkurrent_innen sind, wie Stefan Kornelius in seinem Buch über Merkel anmerkt. Konkurrent_innen um die internationale Deutungshoheit, um die stärkere Position und um die längste Amtszeit. Merkel entwickelt sich zunehmend zu einer neuen Ikone der westlichen Welt und lässt insbesondere bei Frauen* die Hoffnung keimen Politik, für Frauen* zu machen. Sie steht für den postdemokratischen Westen, an dessen Spitze nunmal auch Frauen* stehen. So lange die Anzüge grau oder beige sind, ist alles soweit in Ordnung. Merkel steht für eine Politik, die sich den vulgär-konservativen Kräften nicht blind unterwirft, wo die Postmoderne in voller Relativität zuschlägt, Frauen* und Männer* gleichgestellt werden (sollen), Homosexuelle nicht kriminalisiert und gejagt werden, Rassismus als Problem gar von der Kanzlerin benannt wird, kurz: Merkel ist der neue Star am Himmel der westlich-modernen Zivilisation. Das, was einst von Obama erhofft wurde, symbolisiert jetzt Merkel. Ein wenig unerwartete, zugegeben. Die westliche Zivilisation, die Verhandlungen der Konfrontation vorzieht, die Daten-, Geld- und vor allem Warenströme eher zu kontrollieren sucht als Territorium. Putin dagegen steht für den raubeinigen, den traditionellen, den guten alten Politikstil, wo Frauen* noch ihren Platz wissen und auch mal sexuelle Belästigung ein Kompliment vertragen können; wo Nationalismus noch ein Wert ist. Ein Bollwerk gegen den beliebigen Westen. Es verwundert also entsprechend wenig, dass Putin, gerade in Deutschland, als politisches Gegenkonzept für diejenigen gesehen wird, die so ein diffuses Unbehagen an der Moderne haben und deren „unnatürlichen“ Auswüchsen, wie Zinseszins und gendergerechter Sprache, gerne entfliehen würden

Und der Kampf tobt eben seit Beginn der modernen Zeiten. Vor rund 70 Jahren verlief die intellektuelle Linie z.B. zwischen „dem füchsischen Machiavellismus“ – betrieben von den angelsächsischen Ländern, schwächlich, aber hinterrücks – und der „löwischen Kontinentalpolitik“ – die offene, ehrliche und notwendig brutale Politik des europäischen Kontinents. Diese Unterscheidung spiegelt sich auch im Kampf zwischen Merkel und Putin wider: dem Kampf um den Umgang mit den Widersprüchen der Moderne. Zwei Modelle für eine Zukunft, die, streng genommen, beide nicht sonderlich attraktiv sind – wobei zumindest gesellschaftlich das Merkel-Lager deutlich fortschrittlicher ist.

Im Konflikt um die Ukraine ist diese weitreichende Konkurrenz und welches symbolische Ausmaß sie hat, offen geworden. Bereits in der Vergangenheit hat Angela Merkel auf Fragen nach Putin lapidar, pragmatisch oder auch sarkastisch reagiert. (Vgl. Merkel und die Ironie) Dass Putin im Anschluss an die ewigen und zähen Verhandlung mit Angela Merkel um die Krim eine Woche verschwand, erscheint in dem Licht als leicht schmollig – er hat gegenüber Angela Zugeständnisse machen müssen. Eigentlich tut ein Putin so etwas nicht. Da kann schonmal geschmollt werden. Angela Merkel dagegen wirkt in Reden (zuletzt z.B. in Davos) eindeutig genervt von der russischen Politik und Putin. Das mag auch daran liegen, dass Putin gerne mal Vergewaltigungswitze macht – Freund_innen werden sie wohl nicht mehr. Putin steht für die alte Welt, die Merkel schon immer genervt hat. Vor allem, wenn sie „sozialistisch“ bzw. aufgesetzt antifaschistisch daherkommt. Und so bewertet sie die Annektion der Krim nicht nur als historischen Einschnitt, auch scheint sie deutlich zu sehen, dass der Kalte Krieg Spuren hinterlassen bzw. sich transformiert hat und die Blöcke sich neu konstituieren. Aber vor allem weiß sie, dass sie gerade die Projektionsfläche eines ideologischen Wettstreits wird. Vielleicht hat sie auch deshalb die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung zum Kriegsende am 9. Mai abgesagt. Der „Hase-und-Igel-Wettlauf“ (Kornelius) geht also weiter. Deswegen wird dieser Post nicht der letzte sein zu Putin und Merkel. Und bis dahin gibt es diesen witzigen Tumblr, der die Bilder dieser unfreiwillig engen Beziehung dokumentiert: http://merkelputin.tumblr.com/

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