Rezension: 2005 war alles anders. Die Langguthbiographie.

Biographien sind immer eine Herausforderung. Vor allem wenn die Biographierten noch leben. Ganz besonders kompliziert wird es, wenn es um aktive Politiker_innen geht. Der Weltgeschichte und den SachzwA�ngen unterworfen, lA�sst sich eine politische Laufbahn nur selten vorraussehen. Trotzdem verfasste Gerd Langguth noch vor ihrer Kanzlerinnenschaft eine Biographie A?ber Angela Merkel, die bis heute in Umfang und Tiefe nicht A?berboten wurde. Langguth, jahrelang aktiver Unionspolitiker, Bundestagsabgeordneter und Politologe an der UniversitA�t Bonn, geht mit angenehmer Akribie an das Leben von Angela Merkel bis 2005 und hinterlA�sst so ein Standardwerk der Merkelforschung.

Langguth selbst war ein CDUler alter Schule. So mit Westbindung, ein bisschen Katholizismus, rheinischem Kapitalismus, einem faz-Abo und ganz viel Empathie fA?r die Wiedervereinigungssehnsucht der deutschen Nation. Und natA?rlich in schA�n anzusehender Kalte Kriegs – Rhetorik. Auch ich wurde wA�hrend meines Studiums an der UniversitA�t Bonn stark von den Politologen (es gab tatsA�chlich keine Politologinnen) dieser Schule geprA�gt. Kritische Theorie und Adorno wurden eher als PhA�nomene der Bundesrepublik Deutschland betrachtet und immer gab es diesen jungen Mann in waldgrA?ner Steppjacke, der es nicht so gut fand, wenn die Bundesrepublik Deutschland (!) BRD genannt wurde. Wegen DDR.

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Unter diesem Eindruck setzte ich mich also an die Merkel-Biographie von Langguth. Ein spannendes Werk, sehr detailreich, mit Liebe zur szenischen Situation und auch einer ganze Menge Humor. NatA?rlich lesen sich einige Passagen zuweilen wie ein Pamphlet gegen den Sowjetkommunismus, mit leidenschaftlichen Stellen zum Totalitarismus, die aber dem Gesamtwerk nur wenig zum Nachteil gereichen. Langguths Rhetorik widerspricht teilweise sogar seiner eigenen Darstellung der DDR anhand der Person Angela Merkel – denn es wird schnell klar, dass die DDR der 70er und 80er nicht unbedingt totalitA�ren MaAYstA�ben entspricht. Merkel wiederum hat Langguth ausgezeichnet studiert und beobachtet. Positiv fA�llt auf, dass er ihr Frau*sein sehr nA?chtern analysiert und versucht zu verstehen, inwiefern das fA?r sie Vor- und Nachteile gebracht hat, was sie antreibt und wie das mit ihrer Geschichte zusammenhA�ngt. Eingebettet ist die Analyse in eine bemerkenswerte und umfangreiche Recherchesammlung.

Wirklich lustig wird die LektA?re jedoch gegen Ende. Zur Erinnerung: Das Buch, also meine Ausgabe, ist 2005 in einer fA?r den Wahlkampf aktualisierten Ausgabe erschienen. Angela Merkel ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht Kanzlerin und der Weg, den sie als Vorsitzende mit der CDU eingeschlagen hat ist noch nicht durch ihren immensen Erfolg legitimiert. Entsprechend interessant und witzig sind die Zukunftsprognosen, die Langguth vornimmt. Er sieht in Friedbert PflA?ger einen aufstrebenden Politiker, die Beziehung zwischen Merkel und SchA�uble auf ewig zerA?ttet(**) und den neuen, liberalen Kurs der Merkel-CDU nicht sonderlich mit Erfolg gekrA�nt. Klar wird dabei aber auch, dass er ihr eine Menge zutraut und ihr Potential langfristig zu erkennen vermag – wahrscheinlich auch der Grund, warum er ihr so viel Raum in seiner Forschung einrA�umte. Auch zeigt sich bei Langguth diese Faszination fA?r Merkel, die wohl alle packt, die sich mit ihr intensiver beschA�ftigen. Und deswegen endet das Buch wahrscheinlich auch mit den Worten, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt gewonnen hat. Erfolgreich ist halt auch sympathisch.

(**) Eine Weltwirtschaftskrise spA�ter sehen sie sich zusammen den Film „Ziemlich beste Freunde“, in dem es um die Freundschaft zwischen einem Schwarzen und einem Rollstuhlfahrer geht, an.

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