Wenn Merkel A?ber Kohl schreibt.

Helmut Kohl wird 85. Die Bild flippt aus, der Rest der Republik interessiert sich nur so bedingt und Angela Merkel gratuliert dem „Kanzler des Vertrauens“ in der jubeligen Hauszeitung. EIne SelbstverstA�ndlichkeit, und doch musste ich unweigerlich an den letzten, groAYen Artikel denken, den Merkel A?ber Kohl schrieb. Ein >>Artikel in der faz, der in den politischen Biographien A?ber Angela Merkel stets auftaucht. Aus dem Dezember 1999. Titel: Die von Helmut Kohl eingerA�umten VorgA�nge haben der Partei Schaden zugefA?gt. Kurz nach der SpendenaffA�re. Ein kurzer, prA�ziser Artikel – von ihr lanciert – der einen Schlussstrich ziehen sollte unter die A�ra Kohl. Ein Artikel, der Kohl klar in die Verantwortung fA?r den Spendenskandal nahm. Ein Artikel, der in den hoch geschlossenen Reihen der CDU, wo Geschlossenheit ein Wert an sich ist, und im Klima der blinden Kohl-Verehrung wie eine Bombe einschlug. In direkter, ungeschA�nter Sprache rechnet sie mit Kohl ab und betont dennoch sein Lebenswerk – das Image der Sauberfrau konnte sie so aufbauen und aufrecht erhalten. Gleichzeitig platzierte sie den Artikel ohne das Wissen von Wolfgang SchA�uble – Nachfolger Kohls auf dem Stuhl des Parteivorsitzenden, der sie nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 zur GeneralsekretA�rin gemacht hatte. (Irgendwie hatte er geglaubt, dass sie besser zu kontrollieren sei als ein Volker RA?he.)

Was nun folgte ist ein Beispiel zwischenmenschlicher Eskalation, wie wir es eigentlich nur von der SPD gewohnt sind. Kohl glaubte SchA�uble hinter dem Artikel und SchA�uble fA?hlte sich ebenfalls hintergangen und vorgefA?hrt. Gleichzeitig wollte SchA�uble seine HA�nde reinwaschen – schlieAYlich war er bei der ganzen Spendensache noch verhA�ltnismA�AYig sauber geblieben. Also zumindest war das sein Eindruck. Und letztlich spekulierte SchA�uble immer noch auf eine politische Karriere. Er musste also auch auf Merkel setzen, die sich in dem ganzen Trubel zur Chef-AufklA�rerin und Sauberfrau hatte stilisieren kA�nnen. Merkels Karriere basiert nicht wie die der klassischen CDU-MA�nner auf geschichtstrA�chtigen BA?nden und den damit verbundenen Ritualen, die ihr allein schon qua Geschlecht von jeher wenig AnknA?pfungspunkte geboten haben. Sie war in den Spendenbetrug tatsA�chlich nicht involviert – ein Indiz fA?r ihre Distanz zu den verschworenen Strukturen der CDU und 2000 ihre Chance sich an die Spitze der Partei zu setzen.

Doch dem berA?hmten Abrechnungsartikel in der FAZ folgten zunA�chst einmal BA?cher und Interviews, KrA�nkungen, Verletzungen, Abrechnungen. Kohl gegen SchA�uble. So wie das halt ist, wenn zwei Wegbegleiter ihren Frust A?ber den jeweils anderen in die A�ffentlichkeit tragen. HA�hepunkt war schlieAYlich der 16. Februar 2000. SchA�uble erklA�rt mit den Worten, dass die CDU sich in der schwersten Krise ihrer Geschichte befinde, seinen RA?cktritt vom Partei- und Fraktionsvorsitz. Kohl … A�h .. ja verliert den Ehrenvorsitz. Und Merkel? Die folgt ein halbes Jahr spA�ter SchA�uble als Parteivorsitzende und wird Fraktionsvorsitzende nachdem sie Friedrich Merz losgeworden war. Mittlerweile ist sie Kanzlerin und SchA�uble einer ihrer treusten GefA�hrten. Und Kohl immer noch nicht wieder Ehrenvorsitzender.

 

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Doch abseits der Bewunderung fA?r diesen gut ausgefA?hrten Schachzug, lernen wir hier eine Menge A?ber das, was Angela Merkel ausmacht. Nicht nur agierte sie aus einer Position stA�ndiger UnterschA�tzung heraus, die fA?r die meisten Frauen immer noch die gesellschaftliche Grundeinstellung ist, auch ist sie nicht in den Mittelpunkt der Kritik geraten, was wiederrum ungewA�hnlich ist. Oft genug werden Frauen als erstes vor den Bus geworfen, gehen in einem Sturm der HA�me und BA�sartigkeit unter, wA�hrend die MA�nner irgendwie doch davon kommen. Oder sie verzichten auf den Griff zur Macht. Bei Merkel sieht es anders aus. Sie steht interessiert guckend, gefA?hlt unbeteiligt und blickt auf ihr Experiment mit Namen „Wie erklimme ich sozusagen die nA�chste Karrierestufe?“ Mit der Distanz einer Physikerin zu ihrem Experiment reagierte Merkel dann auch auf den Vorwurf Kohl und SchA�uble ans Messer geliefert zu haben. Warum sie SchA�uble nichts gesagt hatte? Warum schrieb sie in der FAZ? Warum ein Text? FA?r all diese Fragen hat sie bis heute eine nachvollziehbare, gut argumentierte BegrA?ndung. Perfekt ausformuliert, stimmig, entkrA�ftet sie jeden Hauch eines Verdachts, sie mache alles das nur aus Eigennutz. Wie ihr Eigennutz hingegen tatsA�chlich aussieht? Keine Ahnung. Kanzlerin zu sein scheint dem jedoch schon irgendwie zu entsprechen.

Gnadenlose MachtausA?bung wird selten weiblich gedacht und Frauen, die Macht ausA?ben haben nicht die grelle BrutalitA�t inne, die mA�nnlichen Akteuren zugeschrieben wird. Umso gnadenloser konnte und kann Merkel ihren Machtanspruch durchsetzen, ohne in der A�ffentlichkeit allzu unangenehm aufzufallen. Farblos rutschte die permanent unterschA�tze Frau, die mit Ende 30 „MA�dchen“ getauft wurde, in der grA�AYten Krise der CDU an die Spitze. Ohne emotionale Bindungen zu irgendwelchen Millieus, ohne tiefgreifenden Verpflichtungen gegenA?ber verschwA�rten BA?nden. Gesichtslos, wie die grauen Herren bei Momo. Nur in beige. Oder orange. Und 15 Jahre spA�ter lA�sst sich dann auch ganz gewissenhaft dem einstigen Mentor zum Geburstag gratulieren. Ist doch klar.

beigemerkelBild basiert auf den Bildern von: Dirk VorderstraAYe und https://www.flickr.com/photos/primeministergr/

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